Mitarbeitergespräch einmal im Jahr

Posted by Fichtl on 28.12.2018

Traditionell ist am Jahresende nicht nur Weihnachtszeit, sondern auch Mitarbeitergesprächszeit, oft verbunden mit Gehaltsgespräch. Dieses alljährliche Ritual der Mitarbeiterführung ist meiner Meinung nach einer der größten Fails die man machen kann. Why!?! Ein paar Gründe ...

1. "Jahr ist zu kurz"-Stress

Jedes Jahr das gleiche. Alles muss unbedingt noch im alten Jahr fertig werden, weil ja anscheinend am Jahresende dann die Welt untergeht. Ist ja nicht so als ob dann ein neues Jahr anfangen würde. Also noch gach* Projekte abschließen, Teamevents ausmachen, nächstes Jahr planen, usw. 

In dieser Zeit soll man sich dann auch noch besinnen, zurückerinnern und das Mitarbeitergespräch machen. Warum ausgerechnet jetzt?

2. "Ups. Das Jahr ist schon wieder vorbei"-Stress der Führungskraft

Der durchschnittlichen Führungskraft gehts am Jahresende auch nicht besser. Es müssen Budgets und Personalplanung verhandelt werden, neue Roadmaps und Pläne gezeichnet, Ziele und Strategie überlegt und Jahresabschlusspräsentationen vorbereitet werden usw. usf. ... also wahrscheinlich nicht die beste Zeit um vernünftige, stressfreie Gespräche mit allen seinen Mitarbeitern zu führen.

3. Ein Jahr ist schon verdammt lang

In der heutigen Zeit wo so schnell so viel passiert, kann man sich oft gar nicht mehr an konkrete Situationen von vor 10 Monaten erinnern. Wenns also beim Gespräch um den Rückblick geht dann gehts eigentlich um die letzten zwei bis drei Monate weil an mehr kann man sich nicht erinnern.

Ein ähnliches Problem hat man beim Ausblick und den Zielen. Wenn man Ziele erst nimmt, muss man irgendwann auch mal ein Controlling machen. Das kann nicht erst zu einem Zeitpunkt stattfinden an dem man nicht mehr gegensteuern kann.

4. Ausweglos

Wenns nur einen Termin pro Jahr gibt dann ist der unbedingt zu machen und man muss alles unterbringen was bei einem Mitarbeitergespräch zu reden ist. Wenn der Termin ausfällt dann muss man in der stressigen Zeit einen neuen Termin suchen. Wenn man bei einem Thema länger redet dann kommen andere Themen zu kurz. 

Alternativen 

... die gibts. Warum nicht einfach öfter aber dafür kürzere Gesprächen machen? Die Vorteile liegen auf der Hand. Durch die höhere Frequenz kann man auf aktuelle Probleme besser eingehen und zeitnahe lösen. Mehr Flexibilität in der Terminfindung, weil es kein Problem ist wenn Termine zwei Wochen früher oder später stattfinden, außerdem kommt ja dann bald sowieso wieder ein neues MA-Gespräch.

Hier ein paar Ideen ...

Die 3 Jahreszeiten: Wie wäre es mit drei Gesprächen die jeweils am Anfang von Frühling, Sommer, Herbst stattfinden. Im Februar gehts um den Ausblick und Plan fürs neue Jahr. Im Mai/Juni schaut man was so passiert ist und ob man sich am richtigen Weg befindet. Im September: Rückblick und Gehalt. Jedes Gespräch dauert ein bis eineinhalb Stunden.

Every fucking Month: Jeden Monatsanfang dafür nur max. eine Stunde. Was könnte man jeden Monat reden was früher einmal im Jahr auch gereicht hat? Z.B.: Jedes Gespräch bekommt einen Schwerpunkt, also ca. ;) 12 Schwerpunkte pro Jahr. Man kann übrigens auch Termine ausfallen lassen: Urlaubszeit (Juli) oder Weihnachtszeit (Dezember). Schwerpunkte könnten sein: Jahresziele, Weiterbildung, Team/Zusammenarbeit, Prozesse, Gehalt, Controlling, Stärken/Schwächen, Kommunikation, ...

Weekly 1on1: Jede Woche (oder alle zwei Wochen) 30 Minuten. Was war in der Woche? Was kommt nächste Woche? In Kombination mit Schwerpunkten oder arbeitsrelevanten Themen. Das ist eine super Frequenz weil man wirklich regelmäßig mit den Leuten in Kontakt ist. Birgt aber die Gefahr das nur über die Arbeit geredet wird und nicht über den Menschen selber. Darauf muss man aufpassen und ggf. einzelne Termine wirklich einem Thema widmen: "Nächstes Mal sollten wir auf deine Ziele draufschauen.", "Wir haben schon lang nicht mehr über Weiterbildung geredet."

Ganz grundsätzlich ...

Mitarbeitergespräche sollten fixe Termine sein die von der Führungskraft ausgehen aber für den Mitarbeiter sind. Eure Mitarbeiter sollten nicht um Termine betteln müssen bzw. euch Termine aufzwingen müssen. "Wir machen das bei Bedarf." ist also keine gute Lösung.

Je mehr Termine man pro Jahr hat desto mehr kann man auch ausfallen lassen. Wenn wirklich beide Seiten sagen: "Ich hab nichts zu besprechen." Je mehr Termine man pro Jahr hat desto flexibler kann man auch mit den Inhalten sein. Es muss nicht immer alles in jedem Mitarbeitergespräch besprochen werden. 

 

 * Österreichisch, umgangssprachlich: schnell, unmittelbar